Kapitalmarkt in Kürze

Rückspiegel:
Der Juli war kein schlechter Börsenmonat. Aber er war ein Monat, in dem die Märkte wieder wählerischer wurden. Die einfache Geschichte der vergangenen Monate — Wachstum hält, Inflation fällt, Notenbanken senken irgendwann die Zinsen, Technologie steigt weiter — bekam Kratzer.
In den USA sah die Wirtschaft auf den ersten Blick schwächer aus. Das Wachstum im zweiten Quartal lag nur bei 1,5 % auf das Jahr hochgerechnet. Unter der Oberfläche blieb die private Nachfrage aber deutlich robuster. Für die Fed war das kein klares Rezessionssignal — und damit auch kein zwingender Grund für schnelle Zinssenkungen.
Auch der Arbeitsmarkt half der Fed nicht wirklich. Die Anträge auf Arbeitslosenhilfe blieben niedrig. Unternehmen stellen vorsichtiger ein, entlassen aber kaum. Zusammen mit ordentlichen Unternehmensgewinnen war das kein Umfeld, in dem Zinssenkungen zwingend erschienen.
Die Fed beließ den Leitzins bei 3,50 bis 3,75 %. Bemerkenswert war dabei weniger die Entscheidung selbst als der Widerstand im Gremium: Drei von zwölf stimmberechtigten Mitgliedern hätten angesichts der hartnäckigen Inflation lieber erhöht. Der Bondmarkt nahm diesen Konflikt ernst. Die langen Renditen stiegen im Juli spürbar, und die 30-jährige US-Rendite kletterte zeitweise auf 5,22 % — den höchsten Stand seit 2007. Die Botschaft dahinter ist schlicht: Langfristiges Geld ist wieder teuer.
Am Aktienmarkt wurde unterdessen neu sortiert. Technologie war dabei keineswegs abgeschrieben. Die starken Zahlen von Microsoft und Amazon zeigten zum Monatsende, dass Anleger Big Tech weiterhin belohnen, wenn Wachstum, Cloud-Geschäft und KI-Investitionen zusammenpassen. Aber die Messlatte liegt höher. Wer viel Geld in Rechenzentren, Chips, Strom und Infrastruktur steckt, muss inzwischen auch zeigen, dass daraus echte Gewinne entstehen. Die Begeisterung für künstliche Intelligenz ist also nicht vorbei. Sie ist nur kritischer geworden.
Europa zeigte ein gemischtes Bild. Die Eurozone wuchs besser als erwartet, Deutschland blieb zäh. Und selbst Japan klingt inzwischen weniger nach Nullzinswelt.
Der Juli hat die Märkte nicht umgeworfen. Aber er hat sie anspruchsvoller gemacht. Notenbanken können Leitzinsen festlegen. Über ihre langfristige Glaubwürdigkeit entscheidet der Bondmarkt.

Und nun?
Der August beginnt nicht mit einem Warnsignal, sondern mit einem Markt, der genauer hinschaut. Die Weltwirtschaft wächst weiter, die Unternehmensgewinne sind ordentlich, und die Aktienmärkte stehen breiter da als noch vor einigen Monaten. Das ist grundsätzlich positiv.
Aber die Luft ist dünner geworden. Bei Aktien reicht es nicht mehr, einfach „KI“ auf die Verpackung zu schreiben. Anleger achten stärker darauf, ob aus hohen Investitionen auch tatsächlich hohe Gewinne werden. Wachstum bleibt wichtig, aber Kapitaldisziplin wird wieder wichtiger.
Auch bei Anleihen ist die Lage interessanter geworden. Nach Jahren magerer Renditen gibt es wieder laufende Erträge, die diesen Namen verdienen. Gleichzeitig bleiben sehr lange Laufzeiten empfindlich, wenn Renditen weiter steigen. Das gilt nicht nur für die USA. Selbst die 10-jährige japanische Staatsanleihe rentiert inzwischen bei rund 2,77 % – für Japan fast schon ein geldpolitischer Kulturschock. Wer in Anleihen investiert, sollte daher wissen, dass Duration keine theoretische Kennzahl ist, sondern bei Gegenwind sehr praktisch Geld kosten kann.
Für Portfolios spricht das für eine ausgewogene Haltung. Aktien bleiben interessant, aber mit mehr Blick auf Qualität, Bewertung und Gewinnkraft. Anleihen sind wieder eine echte Alternative, aber nicht jede Laufzeit ist automatisch attraktiv. Liquidität und Flexibilität sind in einem solchen Umfeld kein Zeichen von Mutlosigkeit, sondern von Bewegungsfreiheit.
Unser Fazit: Die Märkte sind nicht schwach. Sie sind nur weniger geduldig geworden. Und nach der Rally der vergangenen Monate ist das vermutlich sogar gesund.

Die Zahl des Monats: 5,22%
So hoch lag die 30-jährige US-Treasury-Rendite nach der Fed-Sitzung zeitweise. Das war der höchste Stand seit 2007.Diese Zahl ist wichtig, weil sie mehr zeigt als nur die nächste Zinserwartung. Sie zeigt, dass langfristiges Kapital wieder teuer ist. Der kurze Zins fragt: Was macht die Fed? Der lange Zins fragt: Glauben wir ihr eigentlich noch?

Weisheit des Monats
„Wenn die Fakten sich ändern, ändere ich meine Meinung.“ (Paul Samuelson)

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