Kapitalmarkt in Kürze

Rückspiegel:
Die Börsen zeigen sich derzeit erstaunlich gelassen. Die Aktienmärkte steigen weiter, vor allem große Technologiewerte treiben die Kurse. Auf den ersten Blick sieht also alles recht gut aus.
Dazu passt auch die laufende Berichtssaison in den USA. Viele Unternehmen liefern ordentliche Zahlen, die Gewinne steigen, und die Margen bleiben hoch. Besonders stark zeigen sich erneut die großen Technologiekonzerne. Das erklärt einen Teil der guten Stimmung an den Märkten. Gleichzeitig ist genau das auch der Haken: Der große Gewinnschub kommt nicht aus der Breite, sondern wieder einmal von wenigen Schwergewichten. Die Gewinnmaschine läuft – aber sie läuft auf wenigen Zylindern.
Aber der zweite Blick ist weniger beruhigend.
Die US-Wirtschaft wächst zwar noch. Ein großer Teil dieses Wachstums kommt aber von Investitionen rund um Künstliche Intelligenz. Das ist gut, weil hier viel Geld in neue Technologien fließt. Es bedeutet aber auch: Das Wachstum steht nicht auf vielen Beinen, sondern hängt stark an einem einzigen großen Thema.
Auch der Konsument wirkt nicht mehr ganz so stark. Die Menschen geben zwar weiter Geld aus, aber ihre reale Kaufkraft wächst kaum noch. Gleichzeitig wird weniger gespart. Einfach gesagt: Der Konsum läuft noch, aber das Polster wird dünner.
Dazu kommt: Die Inflation ist nicht weg. In den USA liegt sie weiter zu hoch, und auch in Europa steigen die Inflationserwartungen wieder. Der Iran-Krieg macht die Lage zusätzlich schwieriger. Der Ölpreis bleibt wegen der Spannungen in der Straße von Hormus deutlich erhöht. Brent notiert weiter über 100 US-Dollar je Barrel. Öl ist zwar nicht alles, aber ohne Öl wird fast alles teurer: Transport, Energie, Produktion und am Ende auch viele Alltagsgüter.
Das macht Zinssenkungen für die Zentralbanken schwierig. Sie würden der Wirtschaft gerne helfen, können es aber nicht so einfach, solange die Inflation nicht wirklich besiegt ist.
Damit haben wir eine unangenehme Mischung:
Die Wirtschaft wächst noch, aber nicht mehr breit. Die Inflation bleibt hartnäckig. Und die Zinsen bleiben hoch.
Trotzdem steigen die Märkte weiter.
Man könnte sagen: Die Börse sieht die Schlaglöcher auf der Straße – fährt aber trotzdem weiter mit hoher Geschwindigkeit.

Und nun?
Die wichtigste Frage lautet nicht: Wächst die Wirtschaft noch?
Ja, sie wächst noch.
Die wichtigere Frage lautet: Wie gesund ist dieses Wachstum?
Und hier wird es schwieriger. Wenn ein großer Teil der Hoffnung an Künstlicher Intelligenz, wenigen großen Technologiekonzernen und hohen Gewinnerwartungen hängt, wird der Markt anfälliger. Solange alles gut läuft, stört das niemanden. Aber wenn Enttäuschungen kommen, kann es schnell ungemütlich werden.
Gleichzeitig können die Zentralbanken kaum helfen. Die Inflation ist noch zu hoch. Deshalb können sie die Zinsen nicht einfach deutlich senken. Tun sie es zu früh, könnte die Inflation wieder steigen. Warten sie zu lange, könnte die Wirtschaft stärker bremsen.
Viele vermeiden in diesem Zusammenhang ein bestimmtes Wort: Stagflation.
Das bedeutet: Die Preise steigen weiter, aber die Wirtschaft kommt nicht richtig vom Fleck.
Wir sind nicht in den 1970er Jahren. Es ist keine klassische Stagflation wie damals. Aber einige Zutaten sind da: höhere Preise, schwächeres Wachstum, hohe Schulden und wenig Spielraum für die Politik.
Früher konnte der Staat in solchen Phasen kräftig helfen. Heute ist das schwieriger. Viele Länder sind hoch verschuldet. Ein immer größerer Teil der Einnahmen muss für Zinsen ausgegeben werden. Für neue große Hilfsprogramme bleibt weniger Platz.
Deshalb gilt für Anleger: Nicht in Unruhe verfallen. Aber auch nicht sorglos werden.
Die Märkte steigen derzeit nicht, weil alles gut ist.
Sie steigen, weil noch nichts ernsthaft kaputt gegangen ist.
Das ist ein großer Unterschied.

Die Zahl des Monats: 654.300
So wenige Kinder wurden 2025 in Deutschland geboren – der niedrigste Stand seit 1946.
Gleichzeitig starben rund 1,01 Millionen Menschen. Damit lag das natürliche Bevölkerungsminus bei rund 352.000 Menschen – dem größten Geburtendefizit der Nachkriegszeit.
Das klingt nach Demografie. Es ist aber knallharte Ökonomie: weniger Arbeitskräfte, weniger Wachstumspotenzial und mehr Druck auf Renten, Pflege und Gesundheitssysteme.

Weisheit des Monats
„Gefährlich wird es an der Börse nicht, wenn alle Angst haben.
Gefährlich wird es, wenn niemand mehr Angst hat.“

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