Kapitalmarkt in Kürze

Rückspiegel:
Der Mai war ein Monat, in dem man sich als Kapitalmarktbeobachter die Augen reiben musste. Geopolitisch brannte es an mehreren Stellen gleichzeitig: Die USA und Iran lieferten sich militärische Auseinandersetzungen, Israel weitete seine Operationen im Libanon aus – und trotzdem feierten die Aktienmärkte munter weiter. Die Weltlage sah nach Krisenmodus aus, die Börsenkurse aber nach Sommerfest.
Der Grund war schnell gefunden. Die Märkte klammerten sich an die Hoffnung, dass die USA und Iran kurz vor einer Einigung stehen könnten. Ölpreise gaben deutlich nach, Anleiherenditen kamen zurück, und Risikoanlagen zogen wieder an. Vor allem in den USA und Japan war die Stimmung ausgelassen. Der Nasdaq profitierte weiter von der KI-Euphorie, und Softwareaktien erlebten zeitweise den stärksten Monat seit mehr als zwei Jahrzehnten. Künstliche Intelligenz bleibt damit das Lieblingswort der Börsianer – gleich nach Zinssenkung.
Gleichzeitig zeigt sich ein immer größerer Riss zwischen Wall Street und Main Street. Die Aktienmärkte feiern neue Höchststände, während das Vertrauen der amerikanischen Verbraucher nachgibt. Besonders auffällig: Viele Amerikaner empfinden Jobs wieder als weniger leicht zu bekommen. Das ist noch keine Rezession, aber ein Warnsignal.
Auch bei den Unternehmen ist das Bild gemischt. Die Gewinnmargen großer US-Unternehmen bleiben stark, was die Aktienmärkte stützt. Gleichzeitig sind viele Vorstandschefs vorsichtiger geworden. Die Botschaft lautet ungefähr: Gewinne ja, Euphorie nein. Investiert wird weiter, vor allem in alles, was mit künstlicher Intelligenz zu tun hat. Doch bei Personal und Konjunkturaussichten fährt man lieber mit angezogener Handbremse.
In Europa bleibt das Bild weniger glamourös. Deutschland zeigt kleine Lichtblicke am Arbeitsmarkt, aber der private Konsum bleibt schwach. Die Einzelhandelsumsätze gingen erneut zurück. Gleichzeitig entspannte sich die deutsche Inflationsrate etwas, während die Kerninflation hartnäckiger blieb. Das ist ungefähr so, als würde man beim Arzt hören: Das Fieber ist gefallen, aber die Entzündung ist noch da.

Und nun?
Der Juni startet mit einer bemerkenswerten Ausgangslage. Die Märkte preisen Entspannung ein, obwohl die politischen Risiken hoch bleiben. Sie preisen Wachstum ein, obwohl Teile der Weltwirtschaft schwächeln. Und sie preisen Zinssenkungen ein, obwohl die Inflation noch nicht wirklich besiegt ist. Das ist eine mutige Kombination.
Besonders schwierig ist die Lage für die US-Notenbank. Die amerikanische Wirtschaft läuft besser als viele andere Volkswirtschaften. Gleichzeitig liegt die Inflation immer noch klar über dem Ziel der Fed. Der Markt wünscht sich niedrigere Zinsen, aber die Daten liefern der Notenbank noch keine saubere Einladung. Fed-Chef Kevin Warsh übernimmt damit kein leichtes Amt. Er erbt eine Notenbank, die zwischen politischem Druck, hoher Staatsverschuldung, hartnäckiger Inflation und einem noch robusten Arbeitsmarkt balancieren muss.
Oder einfacher gesagt: Die Fed soll gleichzeitig bremsen, lenken und schon mal Gas geben. Das hat selten gut funktioniert.
Der Anleihemarkt bleibt deshalb der wichtigste Spielverderber. Aktienanleger sehen künstliche Intelligenz, steigende Gewinne und fallende Ölpreise. Anleiheinvestoren sehen Defizite, Schulden, Inflation und die Frage, wer all das am Ende bezahlen soll. Die alte Börsenweisheit, dass Aktienmärkte Geschichten lieben und Anleihemärkte Rechnungen prüfen, passt selten besser als heute.
Auch die geopolitische Lage bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Sollte die Straße von Hormus dauerhaft wieder sicher passierbar sein, könnte der Ölpreis weiter Druck verlieren. Das wäre gut für Inflation, Verbraucher und Notenbanken. Sollte die Lage aber erneut eskalieren, wäre der gerade erst ausgepreiste Risikoaufschlag schnell wieder da.
Für Anleger heißt das: Die Party kann weitergehen, aber man sollte den Notausgang kennen. Die Börsen steigen nicht, weil die Welt so stabil ist. Sie steigen, weil Liquidität, KI-Fantasie und Gewinnmargen im Moment stärker wirken als die Sorgen. Das kann noch eine Weile gutgehen. Es bleibt aber ein Markt, in dem Disziplin wichtiger ist als Euphorie.
Wir bleiben daher bei unserer Haltung: investiert bleiben, aber nicht sorglos werden. Wer jetzt blind der Herde hinterherläuft, kann noch ein gutes Stück mitgetragen werden. Man sollte nur nicht vergessen, dass die Herde manchmal schneller läuft, als sie denkt – und nicht immer weiß, wo der Abgrund beginnt.

Die Zahl des Monats: 62 Monate
So lange liegt die Inflation in den USA nun bereits über dem Zielwert der US-Notenbank.
Das ist nicht mehr nur ein kleiner Ausrutscher. Das ist eher eine Langzeitbeziehung. Die Fed möchte die Inflation gerne loswerden, aber die Inflation scheint noch nicht bereit zu sein, auszuziehen. Für die Märkte ist das entscheidend: Solange die Inflation hartnäckig bleibt, bleiben schnelle und kräftige Zinssenkungen eher Wunschdenken als Planungsgrundlage.
Weisheit des Monats
„Der Markt kann länger irrational bleiben, als man selbst liquide bleibt.“ (John Maynard Keynes)

„Riestern“ war gestern: Das Altersvorsorgedepot kommt

Was ist geschehen?

Da soll noch einmal jemand sagen, die Bundesregierung sei nicht zu Reformen fähig. Was für viele andere Baustellen vielleicht gelten mag, wurde bei der Modernisierung der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge eindrucksvoll widerlegt.
Mit dem Altersvorsorgereformgesetz, Bundestagsdrucksache 21/4088, wurde das bisherige Riester-System grundlegend weiterentwickelt. Vom Kabinettsbeschluss kurz vor Weihnachten über den Bundestagsbeschluss im April bis zum Bundesratsbeschluss im Mai ist kein halbes Jahr vergangen. Die ersten geförderten Verträge sollen bereits ab Januar 2027 abgeschlossen werden können.
Man wünschte sich, andere Reformen würden ähnlich geräuschlos, schnell und lösungsorientiert auf den Weg gebracht.

Was ändert sich?

Die bislang zwingenden Vorgaben einer Kapitalgarantie in der Ansparphase und einer verpflichtenden Verrentung in der Auszahlungsphase entfallen künftig. Einfacher gesagt: Anlegerinnen und Anleger bekommen mehr Flexibilität und mehr Gestaltungsspielraum.
Wer möchte, kann künftig auf teure Garantien verzichten und stärker auf Kapitalmarktrenditen setzen. Auch in der Auszahlungsphase sollen Auszahlpläne anstelle klassischer Leibrenten möglich sein. Zusätzlich wird die Förderung beitragsproportional ausgestaltet, und der Kreis der Förderberechtigten wird erweitert, beispielsweise um Selbständige.
Das ist keine kleine technische Korrektur, sondern ein echter Systemwechsel. Aus „Riestern“ wird Kapitalmarkt-Altersvorsorge.

Was ist jetzt zu tun?

Vor allem: Ruhe bewahren.
Es gibt keinen Grund, sich vom bevorstehenden medialen Dauerfeuer oder vom Vertriebsdruck der Finanzindustrie zu spontanen Vertragsabschlüssen verleiten zu lassen, die man später bereuen könnte.
Warum? Weil die neuen Möglichkeiten zwar vielversprechend, aber auch erklärungsbedürftig sind. Förderzulagen, steuerliche Stundungseffekte, Produktkosten, Garantien oder deren Verzicht, Auszahlpläne, Fonds- und ETF-Auswahl sowie die persönliche Lebensplanung müssen sinnvoll zusammenpassen.
Hinzu kommt: Das konkrete Produktangebot ist heute noch nicht einmal im Ansatz vollständig bekannt. Altersvorsorgedepots können ohnehin erst ab Januar 2027 eingerichtet werden. Es bleibt also genug Zeit, die neuen Möglichkeiten sorgfältig zu prüfen.

Was dürfen Sie von uns erwarten?

Dass wir uns genau diese Zeit nehmen.
Wir werden das entstehende Produktuniversum sorgfältig analysieren und Sie bei der Auswahl mit Rat und Tat unterstützen. Kommen Sie bei Fragen gerne schon heute auf uns zu. Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden: hier im KIK, in speziellen Newslettern und Webinaren sowie natürlich in individuellen Beratungsgesprächen.
Diese Reform hat das Potenzial, die private Altersvorsorge in Deutschland deutlich kapitalmarktnäher, flexibler und attraktiver zu machen. Umso wichtiger ist es, die neuen Möglichkeiten nicht überstürzt, sondern richtig zu nutzen.

Denn gute Altersvorsorge beginnt nicht mit dem ersten Vertrag, sondern mit der richtigen Entscheidung.plin und ein klarer Blick bleiben die besseren Ratgeber als gute Vorsätze.“

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