Kapitalmarkt in Kürze

Rückspiegel:
Notenbanker haben eine besondere Begabung: Sie können sehr viel reden und dabei erstaunlich wenig sagen. Alan Greenspan, der frühere Chef der amerikanischen Notenbank, perfektionierte diese Kunst. Für seine bewusst schwer verständliche Sprache gab es sogar einen Begriff: „Obfuscation” – die Kunst der Verschleierung.

Kevin Warsh wählte in Jackson Hole einen anderen Weg. Seine Botschaft war vergleichsweise klar: Die Inflation ist noch nicht besiegt, und die amerikanische Notenbank darf ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen. Gleichzeitig wächst aber der Druck, die Zinsen zu senken. Ein schwieriger Balanceakt.

Denn im Hintergrund steht ein Problem, das immer größer wird: die amerikanische Staatsverschuldung.

Die USA haben inzwischen die Marke von 40 Billionen US-Dollar an Schulden überschritten. Und Schulden sind bei höheren Zinsen nicht nur groß, sondern teuer. Mehr als eine Billion Dollar pro Jahr fließt inzwischen allein in den Schuldendienst.

Das Problem ist dabei weniger die Frage, ob die USA ihre Schulden zurückzahlen können. Ein Land, das sich in seiner eigenen Währung verschuldet, hat andere Möglichkeiten als ein privater Schuldner. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Wer soll all diese neuen Staatsanleihen kaufen – und zu welchem Preis?

Das amerikanische Finanzministerium versucht, den Markt unter anderem mit Rückkäufen bestehender Staatsanleihen funktionsfähig zu halten. Das klingt zunächst nach Unterstützung für den Anleihemarkt. Aber es ist kein Gelddrucken und auch kein neues Anleihekaufprogramm der Notenbank. Das Finanzministerium kauft alte Anleihen zurück und muss sich das benötigte Geld letztlich an anderer Stelle wieder beschaffen. Die Schulden verschwinden dadurch nicht.

Gleichzeitig benötigt auch die Privatwirtschaft enorme Summen. Allein die großen amerikanischen Technologiekonzerne investieren Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren, Chips, Energieversorgung und die Infrastruktur für künstliche Intelligenz.

Staat und Unternehmen konkurrieren damit zunehmend um dasselbe Kapital.

Ökonomen nennen das „Crowding-out”: Je mehr Kapital der Staat beansprucht, desto weniger steht anderen Schuldnern zur Verfügung – oder desto höher muss der Preis dafür sein. Dieser Preis ist der Zins.

Hinzu kommt die Geopolitik. Die Lage rund um den Iran und im Nahen Osten bleibt ein Unsicherheitsfaktor, der jederzeit auch die Energiepreise wieder bewegen kann. Gleichzeitig suchen Anleger verstärkt nach Vermögenswerten, die nicht beliebig vermehrbar sind. Davon profitiert traditionell Gold. Auffällig ist, dass zuletzt auch Bitcoin wieder stärker in diese Diskussion einbezogen wurde.

Und nun?
Wir erwarten nicht, dass die USA zahlungsunfähig werden. Das eigentliche Risiko liegt woanders: Es dürfte zunehmend schwieriger – und damit teurer – werden, genügend Käufer für die immer größeren Mengen amerikanischer Staatsanleihen zu finden.


Genau deshalb ist die Entwicklung der langfristigen Zinsen so wichtig.

Wenn Anleger für zehn, zwanzig oder dreißig Jahre Geld verleihen sollen, wollen sie nicht nur für die erwartete Inflation entschädigt werden. Sie verlangen zunehmend auch einen Aufschlag für die Unsicherheit über Staatsverschuldung, Geldpolitik und die langfristige Kaufkraft des Dollars.

Die amerikanische Notenbank könnte diesem Druck theoretisch entgegenwirken, indem sie wieder verstärkt Staatsanleihen kauft. Aber genau hier beginnt das Problem. Eine Notenbank, die gleichzeitig Inflation bekämpfen und die Finanzierungskosten ihres Staates niedrig halten soll, gerät schnell in einen Interessenkonflikt.

Die Geldpolitik würde dann zunehmend von der Finanzpolitik bestimmt. Ökonomen sprechen von „fiskalischer Dominanz”.

Für Anleger hat das Konsequenzen. Langlaufende Anleihen bieten wieder attraktive laufende Renditen. Aber sie tragen gleichzeitig ein erhebliches Zinsrisiko. Wenn Staaten dauerhaft große Mengen neuer Schulden aufnehmen müssen, spricht wenig dafür, dass langfristige Zinsen automatisch wieder auf die extrem niedrigen Niveaus der vergangenen Jahre zurückkehren.

Aktien könnten in einem solchen Umfeld einen Vorteil haben. Unternehmen besitzen reale Vermögenswerte, können Preise anpassen und ihre Gewinne nominal steigern. Das bedeutet nicht, dass Aktien immer steigen. Aber als nominaler Vermögenswert können sie langfristig besser mit einem Umfeld aus höheren Preisen und steigender Staatsverschuldung umgehen als eine Anleihe, deren Rückzahlung schon heute feststeht.

Auch Gold passt in dieses Bild. Es wirft keine Zinsen ab, hat aber einen entscheidenden Unterschied zu Papiergeld: Seine Menge lässt sich nicht per politischem Beschluss beliebig erhöhen.

Bitcoin wird inzwischen teilweise mit demselben Argument gekauft. Seine maximale Menge ist technisch begrenzt. Trotzdem würden wir Gold und Bitcoin nicht gleichsetzen. Gold hat sich über Jahrhunderte als Wertspeicher bewährt; Bitcoin bleibt deutlich jünger und wesentlich schwankungsanfälliger. Interessant ist aber, dass beide zunehmend von derselben Frage profitieren:

Wie viel Vertrauen haben Anleger langfristig noch in Geld, dessen Menge theoretisch unbegrenzt wachsen kann?

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage für die kommenden Jahre nicht, ob die amerikanische Notenbank ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte senkt.


Sondern wer die nächste Billion Dollar amerikanischer Staatsschulden kauft.

Die Zahl des Monats: 40.000.000.000.000
So hoch sind inzwischen die Staatsschulden der Vereinigten Staaten. Davon befinden sich rund 32,3 Billionen Dollar tatsächlich bei Anlegern; der Rest sind vor allem Forderungen staatlicher Einrichtungen untereinander.
Wie groß sind 40 Billionen Dollar? Wer jeden einzelnen Tag eine Milliarde Dollar ausgeben würde, bräuchte fast 110 Jahre, bis das Geld aufgebraucht wäre.
Und auch der Zins wird langsam anschaulich: Das amerikanische Haushaltsbüro erwartet für 2026 mehr als eine Billion Dollar Nettozinszahlungen – rund 3,3 % der gesamten Wirtschaftsleistung. Das entspricht grob zwei Millionen Dollar Zinsen pro Minute.


Weisheit des Monats
„There are either reasons or results.“ – 
Chuck Yeager
Frei übersetzt: Am Ende zählen keine Begründungen, sondern Ergebnisse. Kevin Warsh zitierte diesen Satz in Jackson  Hole.

Frühstartrente flankiert Altersvorsorgedepot

In Sachen Altersvorsorgedepot gibt es wenig Neues. Zwar zeichnen sich die ersten Produkte am Horizont ab, lassen aber in ihrer konkreten Ausgestaltung bis zur Zertifizierung im Januar 2027 weiter auf sich warten. 

Neu ist indes der ergänzende und gerade vom Kabinett beschlossene Gesetzentwurf zur Frühstartrente, der nun ins Parlament eingebracht wird und dort noch Änderungen erfahren könnte.

Nach aktuellem Stand wären ab 2027 jeweils die Kinder des Einschulungsjahrgangs (sechs Jahre) rückwirkend förderfähig, mit zehn Euro im Monat vom Staat. Zuzahlungen von Angehörigen wären perspektivisch möglich. Der Abschluss derartiger Sparverträge wäre online vorgesehen und Vertriebs- und Abschlusskosten nicht erlaubt.

Neben den privaten Angeboten sieht der Gesetzgeber auch ein standardisiertes Massenprodukt unter der Leitung der Bundesbank für all jene Kinder vor, für die durch die Eltern keine individuellen Lösungen vereinbart wurden. 

Für die Frühstartrente gilt abschließend genauso wie für das Altersvorsorgedepot: kein Grund zur Hektik. Sie verlieren bis Ende 2027 keine Förderungsansprüche.

Nutzen Sie die Zeit bis zum Jahresanfang für Rechenbeispiele mit den Förderrechnern auf unserer Webseite und wir die kommenden Wochen zur Prüfung erster Angebote. Sobald fundierte Entscheidungen möglich sind, melden wir uns.

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